Lydia Vogelgsang wurde am 10. Februar 1889 in Großsachsenheim geboren. Sie war das zweite von insgesamt fünf Kindern ihrer Eltern Heinrich und Emma Lydia Vogelgsang. Ihr Vater, Heinrich Vogelgsang, wurde in Neunstein geboren, während ihre Mutter, Emma Lydia Vogelgsang (geborene Haußer), aus Großsachsenheim stammte. Das Ehepaar zog 1885 zunächst in den Geburtsort der Mutter nach Großsachsenheim. Dort kauften sie ein Wohn- und Geschäftshaus in der Hauptstraße Nr. 12. Dieses diente der Familie nicht nur als Zuhause, sondern auch als Betriebsstätte. Heinrich Vogelgsang führte hier ein eigenes Geschäft für Gallerie- und Konditoreiwaren, also ein Fachgeschäft für de Konditoreibedarf.. Im Jahr 1892 zog Lydia Vogelgsang dann mit ihrer Familie nach Neuenstein, die auch dort einen Kaufmannsladen betrieb. Ihre Kindheit und Jugend verliefen nach den überlieferten Informationen zunächst unauffällig. Bis zu ihrem jungen Erwachsenenalter galt sie als geistig und körperlich gesund.
Zwischen ihrem 20. und 22. Lebensjahr ereignete sich jedoch ein Vorfall, der später in den Akten als möglicher Auslöser für ihr weiteres Leiden genannt wurde. Offiziell wurde zum Teil ein schwerer Treppensturz angegeben. Bei dem eigentlichen Grund handelte es sich jedoch um einen belastenden „Kussvorfall“ mit zwei männlichen Verwandten. Nach heutiger Lesart wurde Lydia Vogelgsang also vermutlich das Opfer eines sexuellen Übergriffs bzw. Missbrauchs durch männliche Verwandte. Danach soll sich Lydias psychischer Zustand verändert haben. Sie fühlte sich zunehmend unwohl, entwickelte schwere Wahnvorstellungen und hörte Stimmen.
Mit etwa 23 Jahren begann für Lydia Vogelgsang eine lange Phase psychischer Instabilität. In den Unterlagen wurde später die Diagnose ,,Dementia praecox‘‘ festgehalten. Dieser Begriff wurde damals für schwere psychische Erkrankungen verwendet, die man heute eher in den Bereich schizophrener Erkrankungen zuordnen würde. In der damaligen Zeit galten solche Diagnosen oft als besonders schwer und kaum behandelbar. Wirksame Medikamente und heutige therapeutische Möglichkeiten gab es noch nicht.
Im Jahr 1916 wurde Lydia erstmals in eine Heilanstalt für psychisch Erkrankte eingewiesen. Ihr Vater versuchte sie zwar wieder nach Hause zu holen, doch sie wurde schließlich erneut zurückgeschickt und dauerhaft in institutionelle Behandlung gegeben. Im Dezember 1916 kam sie nach Göppingen, im Februar 1922 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg eingewiesen. Dort verbrachte sie viele Jahre ihres Lebens.
Die nationalsozialistische Diktatur machte aus solchen medizinischen Diagnosen ein Todesurteil. Unter dem beschönigenden Begriff „Euthanasie“ organisierten die Nationalsozialisten die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder anderen Beeinträchtigungen. Der Begriff „Euthanasie“ ist dabei irreführend: Es ging nicht um Hilfe, Fürsorge oder einen würdevollen Tod, sondern um staatlich geplanten Mord. Die Opfer wurden von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ abgewertet. Ihr Leben sollte nach dieser menschenverachtenden Ideologie keinen Nutzen für die Gesellschaft haben. Das sogenannte „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten, auch als „Aktion T4“ bekannt, war die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in deutschen Einrichtungen. Auch Lydia Vogelgsang wurde Opfer dieses Systems. Am 04. Juni 1940 wurde sie aus der Heil- und Pflegeanstalten Weinsberg nach Grafeneck deportiert.
Die Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb war das erste von sechs Vernichtungszentren der sogenannten Aktion T4 in Deutschen Reich. Heute erinnert die Gedenkstätte Grafeneck an 10.654 Opfer der nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland. Viele Menschen wurden mit Bussen aus Heil- und Pflegeanstalten nach Grafeneck gebracht und meist noch am gleichen Tag mittels Gas ermordet. Für die Angehörigen wurden häufig falsche oder verschleierte Angaben zu Todesort, Todeszeitpunkt und Todesursache konstruiert. So sollte der Mord bürokratisch verdeckt werden.
Lydia Vogelgsangs Geschichte steht stellvertretend für viele Menschen, die in der NS-Zeit entrechtet, entmenschlicht und ermordet wurden. Sie wurde nicht getötet, weil ihr Leben weniger wert war, sondern weil ein verbrecherisches Regime Menschen nach „Nützlichkeit“, Gesundheit und Anpassung bewertete. Ihre psychische Erkrankung wurde ihr zum Verhängnis, weil die nationalsozialistische Ideologie kein Mitgefühl, keine Würde und kein Recht auf Anderssein zuließ.
An Lydia Vogelgsang zu erinnern bedeutet deshalb mehr, als nur ihren Namen und ihre Lebensdaten festhalten. Es bedeutet, ihr ihre Würde zurückzugeben. Sie war Tochter, Schwester, Angehörige und Teil einer Familie. Sie hatte einen Herkunftsort, einen Lebensweg und Menschen, die um sie trauerten.
Der Stolperstein und diese Erinnerungstafel sollen Lydia Vogelgsang sichtbar machen. Sie erinnern daran, dass hinter jedem Opfer der NS- Euthanasie ein einzelner Mensch stand. Ein Mensch, dessen Leben nicht vergessen werden darf.