Gelegen zwischen den Ortsverbindungsstraßen in Richtung Oberriexingen und Unterriexingen
Telefon
Telefon
Warum gibt es einen „Friedhof ausländischer Zwangsarbeiter 1943 - 1945“ in Sachsenheim?
Während des Zweiten Weltkriegs waren fast alle wehrfähigen Männer im Kriegseinsatz, sodass ausländische zivile Arbeitskräfte für das Land zwangsrekrutiert wurden. Das Herkunftsgebiet dieser Zwangsarbeiter war zumeist die Sowjetunion.
Die Zwangsarbeiter (Männer und Frauen) mussten in Industrie- und Handwerksbetrieben, in der Landwirtschaft und in Haushalten arbeiten. Zur Steuerung der Verteilung der Zwangsarbeitskräfte waren sogenannte „Durchgangslager“ am Schnittpunkt wichtiger Bahnlinien eingerichtet worden. Ein solches Durchgangslager befand sich in Bietigheim (heute Bietigheim-Bissingen).
Im Krankheitsfall wurde den Betroffenen das deutsche Gesundheitssystem verweigert und man versuchte, die Erkrankten wieder in ihre Herkunftsländer zurückzubringen. In diesem Zusammenhang war 1943 die Krankenbaracke im Durchgangslager Bietigheim zu klein geworden. Das Landesarbeitsamt ordnete deshalb die Instandsetzung des früheren Arbeitslagers beim Flugplatz Großsachsenheim an, um es als Krankensammellager zu verwenden.
Die vorhandenen einfachen Holzbaracken waren schon 1939 beim Bau des Militärflugplatzes Großsachsenheim für die Unterbringung der Arbeiter errichtet worden. In der Verwaltung wurde das Arbeitslager als „Südlager der Luftwaffe“ geführt. Nach der Fertigstellung des Flugplatzes 1942 waren die Baracken nicht mehr belegt und begannen zu verfallen.
Nach der Renovierung und Ausbau der Baracken als Krankenlager übernahm das Landesarbeitsamt die Zuständigkeit für das Lager, das eine Doppelfunktion hatte. Das Großsachsenheimer Lager war nämlich nicht nur Krankenlager, sondern auch der vorgeschriebene Entbindungsort für alle schwanger gewordenen Zwangsarbeiterinnen in Württemberg. In der „Entbindungsbaracke“ wurden 245 Kinder geboren.
Als Lagerarzt war der jüdische Arzt Dr. Adolf Levi tätig. Er starb im Dezember 1944 bei einem Luftangriff auf den nahegelegenen Flugplatz.
Vor allem mangelnde Hygiene führte zu einer hohen Sterberate im Lager. 667 Lagerinsassen verstarben zwischen Mai 1943 und April 1945. Nach heutiger Landeszuordnung betrafen die meisten Todesfälle Ukrainer, Russen und Weißrussen, sowie einige Polen.
Viele der Zwangsarbeiter trugen schon Keime der Lungentuberkulose in sich, sodass bei 80% der Verstorbenen als Todesursache Tbc vermerkt ist. Da täglich häufig mehr als nur ein Lagerinsasse verstarb, musste mit Beginn der Belegung des Lagers im Mai 1943 ein Friedhof geschaffen werden. Dort wurden die Toten von Beginn an in Einzel- oder Mehrfachgräbern beerdigt. Die letzte Beerdigung aus dem Krankenlager fand am 5. April 1945 statt.
Die im Volksmund “Russenfriedhof“ genannte Anlage befindet sich zwischen den Landstraßen von Großsachsenheim nach Oberriexingen bzw. Unterriexingen. An den Landstraßen weisen heute Schilder daraufhin. Der Friedhof selbst ist über einen Feldweg zu erreichen.
1951 – 1954 wurde der Friedhof neu gestaltet. Bis dahin gab es 664 in die Erde eingelassene kleine und mit Nummern versehene Grabsteine, von denen viele wegen der Verwitterung oder Überwucherung kaum noch lesbar oder auch bereits zerstört waren.
Am Eingang stand ein „einfaches“ lateinisches Gedenkkreuz aus Beton, obwohl bis auf 18 katholische Polen alle Beerdigten orthodoxen Glaubens waren. Zu diesem gehört jedoch die Verehrung des orthodoxen Kreuzes, das einen unteren schräg verlaufenden Querbalken besitzt. Daneben befand sich eine in Stein gemeißelte erläuternde Inschrift.
Die Stadtverwaltung legte Nummerngräber an und renovierte die Anlage 1965 erneut, nachdem der Landkreis ein geändertes Gräbergesetz erlassen hatte. Danach wurde an der weitgehend unbekannten Gedenkstätte nichts mehr verändert. Dabei stellt unter allen Kriegsgräberfriedhöfen in Baden-Württemberg der Friedhof ausländischer Zwangsarbeiter in Großsachsenheim eine Ausnahme dar: hier sind ausschließlich zivile Zwangsarbeiter beerdigt.
2017 veröffentlichte Elisabeth Wanjura nach jahrelangen Recherchen eine ausführliche Beschreibung des Gesamtkomplexes in einem Buch. Eine überarbeitete Fassung folgte 2020. Bei beiden Büchern fehlte jedoch die Zusammenstellung der Namen der Opfer. Dies wurde dann in mühevoller Kleinarbeit durch Herbert Ade-Thurow geleistet, der damit die eigentliche Zielsetzung des Projekts vollendete.
Zur Verwirklichung der von der Stadt Sachsenheim 2018 genehmigten und 2019 eingeweihten Gedenkstätte hat Karl Heidinger † entscheidend beigetragen. Auf 13 großen Metalltafeln sind die Lebensdaten der im Krankenlager Verstorbenen aufgelistet. Damit wurden aus Nummerngräbern wieder Menschengräber und der Friedhof aufgewertet.
Es gibt nun für die Nachkommen eine Gedenkstätte für ihre verstorbenen Angehörigen. Weiterhin werden diese zivilen Opfer des NS-Regimes vor Ort namentlich gewürdigt.
Die sichtbaren Namen dienen außerdem dazu, die Erinnerung an die Zwangsarbeit und den Zweiten Weltkrieg in der Bevölkerung wachzuhalten. Zur Erinnerungskultur gehört auch, dass man Schülern vor Ort die Möglichkeit geben kann, ihnen unsere noch nicht so weit entfernte Geschichte vor Augen führen zu können.
Die Stadt Sachsenheim bedankt sich beim Verein für Heimatgeschichte Sachsenheim e.V. dessen Mitglieder Elisabeth Wanjura, Karl Heidinger†, Jutta Glöckle, Hermann Albrecht und Herbert Ade-Thurow wesentlich zur Verwirklichung der heutigen Gedenkstätte beigetragen haben. Besonderer Dank auch an Roman Kolodiy vom Verein Ukrainer in Stuttgart e.V. für seine hilfreiche Mitarbeit.